Lesen Sie das erste Kapitel aus Christian Buckards neuem Buch „Café Babylon“.
Eine literarische Reise in die Welt des legendären Romanischen Cafés in Berlin.
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Durch die goldene Drehtür
An einem heißen Nachmittag im August 1933 treten zwei Männer durch die Drehtür des «Romanischen Cafés»: Leonid, der Sonderkorrespondent des litauischen Folksblat, und sein Begleiter, ein betagter Berliner Aktivist der zionistischen Bewegung. Leonid wirft einen Blick in den hohen, langgestreckten, fast menschenleeren Raum zu seiner Rechten. Hier, in diesem Café – die Terrasse und die obere Galerie mitgerechnet –, hatten sich oft tausend Gäste gleichzeitig versammelt. An manchen Abenden konnten es sogar noch viel mehr sein. Und da die Wände im hinteren Teil des Raums mit großen Spiegeln bedeckt waren, spiegelte sich dieser Teil des Cafés bei der richtigen Perspektive «fast hundertfach wider, als wäre der Raum unendlich».
Genau dort, entlang der Spiegelwand, befand sich einst das, was ein Witzbold als Zentrum des «Autonomen jüdischen Rayons» bezeichnet hatte, in Anlehnung an das den Juden früher vorgeschriebene Ansiedlungsgebiet im Zarenreich. Die Kellner achteten stets darauf, dass die Tische innerhalb dieses «Rayons» im Interesse der tischübergreifenden Unterhaltung für jiddischsprachige Gäste reserviert blieben. Oder für diejenigen, die von den fürsorglichen Kellnern aufgrund ihres Äußeren für Juden gehalten wurden. So hatten die Kellner einmal einen gerade erst in Berlin eingetroffenen Argentinier dorthin verwiesen, der dann den ganzen Abend folgsam inmitten der Jiddisch redenden Gesellschaft sitzen blieb und kein Wort sagte oder verstand.
Doch diese Welt ist nun endgültig untergegangen. Dass Leonid jetzt, nur wenige Monate nach der Verhaftungswelle, die auf den Reichstagsbrand folgte, hier keinen seiner Freunde und Bekannten antreffen würde, das hatte er bereits befürchtet, bevor er durch die Drehtür schritt. Und doch hatte er sich so sehr gewünscht, wenigstens einen oder zwei Delegierte des in Prag anstehenden Zionistischen Kongresses zu treffen! War das Romanische Café doch lange Zeit so etwas wie die Vorhalle der Zionistischen Kongresse gewesen, die alle paar Jahre in Europa stattfanden. Rund drei Viertel der vielen Delegierten pflegten damals auf dem Weg dorthin erst einmal in Berlin Station zu machen. Wozu? Natürlich nur, um ins Romanische Café zu gehen! An dessen kleinen Marmortischen, so erinnert sich Leonid, pflegten die Delegierten bereits vorab «die wichtigsten Beschlüsse zu treffen und Resolutionen zu beschließen». Danach fuhr man zum Kongress, um die im Café miteinander abgestimmten Entscheidungen ordentlich zu verabschieden. So war das berühmte Berliner Literaten- und Künstlercafé jahrelang eine Zwischenstation auf dem langen Weg zum jüdischen Staat. Und jetzt? Jetzt ist das altvertraute «Romanische», die einstige Heimat in der Fremde, zum lebensgefährlichen Feindesland geworden.
Während Leonid noch wehmütig den großen Hauptsaal mit den hohen Säulen und der Deckenverzierung betrachtet, hat sich sein Begleiter an einem der vertrauten Marmortische niedergelassen. Fast sieht der alte Mann so aus, denkt Leonid, als sei er drauf und dran, die biblischen Klagelieder zu zitieren, jene dem Propheten Jeremias zugeschriebenen Gesänge, welche die Zerstörung Jerusalems und des Tempels betrauern: «Wehe, wie weilt die Stadt einsam, die einst viel bevölkerte» … Da verspürt auch Leonid das Bedürfnis, «das große Unglück zu beklagen, das über die Kehilla Kedosha», die «heilige Gemeinde» Berlin, hereingebrochen ist. «Alle unsere einstigen Stammtische», fährt es ihm durch den Kopf, «stehen einsam und verlassen da, und die Stühle daneben sehen aus wie Grabsteine, die noch auf ihre Inschriften warten.»
Der alte Zionist scheint Leonids Gedanken erraten zu haben, denn er sagt mit zitternder Stimme: «Sehen Sie, dort an jenem Tisch, ich erinnere mich, hat einst Chaim Weizmann mit Grünbaum beisammengesessen. Und bei diesem Tisch, da in der Ecke, saß doch noch vor gar nicht langer Zeit Chaim Arlosoroff, sein Andenken sei gesegnet.»
Leonid sieht, dass dem alten Mann Tränen in den Augen stehen. Arlosoroff, ein früherer Stammgast, der so charismatische wie beliebte starke Mann der sozialistischen Zionisten, ist im Juni 1933 am Strand von Tel Aviv durch mehrere Schüsse von unbekannten Attentätern tödlich verwundet worden.
Während sich die beiden ihren Erinnerungen hingeben, tritt der Ober an ihren Tisch. Statt die Bestellung aufzunehmen oder ihnen Wasser einzugießen, schüttet er ihnen sein Herz aus: Er fleht sie an, Erbarmen zu haben, ihn doch bitte mitzunehmen. Wohin? Nach
Palästina! Offenbar ist er überzeugt, dass all seine Stammgäste inzwi- schen in Palästina leben. Und dass er dort, in jenem Café, in welchem sie alle nun täglich verkehren, eine feste Anstellung finden würde. «‹Shalom› habe ich schon gelernt», vertraut er den beiden Männern an, «und den Rest werde ich dort sicher bald dazulernen.» Als er schließlich den Kaffee bringt, erwähnt er noch, der «Herr Direktor» habe schon oft beklagt, dass nun keine jüdischen Gäste mehr ins Café kommen. Ob denn in der kommenden Woche der Zionistische Kongress in Prag stattfinden werde? Man wisse natürlich, dass Juden es jetzt vermieden, über Deutschland zu reisen …
Der Ober verstummt jäh und entfernt sich, als sich ein uniformierter «Vertreter der neu entstandenen Nazi-Bohème» nähert und an einem Nebentisch Platz nimmt. Und so ziehen auch Leonid und sein Begleiter es vor zu schweigen. Sie trinken ihren «romanischen» Kaffee und geben sich ihrer stillen Trauer hin, gerade so, als würden sie am Grabe der Ahnen stehen. Leonid erträgt es nicht mehr, in die tränenerfüllten Augen seines Gegenübers zu sehen. Er schließt die seinen und kann so klar und deutlich zurück in die besseren Zeiten blicken …
Die goldene Drehtür des «Romanischen» dreht sich ohne Unterlass. Noch einmal betreten sie alle das Café: der Galizianer Alexander Granach, funkelnder Stern des deutschen Theaters, Frauenschwarm und – nach Aussage der Theaterlegende Shimon Finkel – niemand Geringeres als der «Lebensgeist» des «Romanischen». Den im Café allseits beliebten russischen Journalisten Daniel Charney sieht Leonid eintreten, wie auch den würdevollen, bärtigen Gentleman Chaim Weizmann, den Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation. Der still lächelnde Warschauer Journalist Hersh David Nomberg weht herein, ebenso wie der junge, energiegeladene Chaim Arlosoroff. Beide Männer so lebendig wie eh und je …
Damals, in den legendenumwobenen, glorreichen Zeiten des Romanischen Cafés, stand draußen neben der Drehtür stets der blonde Hüne Herr Nietz. Der ehemalige Gardesoldat mit dem gepflegten Schnurrbart sah dort freundlich-distanziert nach dem Rechten. «Nietz», erinnerte sich später der Journalist und Stammgast Hans Tasiemka, «kannte jeden, alle Familiengeschichten, alle Liebschaften, die finanzielle Lage jedes Besuchers, die Artikel, die seine Stammgäste gestern veröffentlicht hatten, die Karikaturen, die sie gezeichnet hatten, und er gab jedem heimlich Zensur. Dieser wunderbare Mann fragte nicht, ob jemand arm oder reich war, ob er besoffen oder nüchtern war, ob er rechts oder links stand. Ihn interessierte nur: ist er ein anständiger Kerl?»
Wer Ärger suchte oder Hausverbot hatte, kam an Nietz nur schwer vorbei. Doch je später es wurde, desto leichter war es für bestimmte Klienten, sich – entgegen der Kleiderordnung – ohne J ackett oder Mantel an Nietz vorbei hineinzustehlen, um dann wenige Minuten später in möglichst teurer Kleidung schnell wieder das Weite zu suchen.
Ansonsten war jeder im «Romanischen» willkommen – vom langhaarigen Schnorrer John Höxter und dem Starlet Marlene Dietrich, unbekannten Sekretärinnen und Schauspielschülerinnen über den «Barrikaden-Tauber» Ernst Busch, Poetinnen wie Mascha Kaléko und den düsteren Hellseher Hanussen bis hin zum weißbärtigen Maler Max Liebermann. Und wenn ein Gast – wie etwa der junge Journalist Wolfgang Koeppen – einmal kein Geld für einen Kaffee dabeihatte, dann nahm Herr Nietz umstandslos ein entsprechendes Pfand entgegen.
An einem Januartag des Jahres 1926 machte sich Hans Tasiemka im Auftrag der Literarischen Welt die Mühe, den Gästestrom des «Romanischen» – mit Schwerpunkt auf Prominenz – von morgens früh bis spät in die Nacht zu protokollieren. Hilfreich war dabei, dass mit fortschreitender Stunde das Telefon immer häufiger klingelte und Kellner im lärmenden Café unablässig mehr oder weniger berühmte Gäste zum Fernsprecher riefen. Was die Übersichtlichkeit außerdem erleichterte, waren die vielen Stammtische, an denen sich bestimmte Gruppen versammelten. Da gab es, wie der Schriftsteller Hans Sahl berichtet, einen «Malertisch, einen Bildhauertisch, einen Philosophentisch, einen Börsen-Courier-Tisch, einen Tisch der Kritiker, der Dramatiker, der Essayisten, der Soziologen und der Psychoanalytiker». Wollte man, so erzählt er, einem anderen Tisch «einen Besuch abstatten», war eine «Aufnahmebewilligung» nötig, die der Zustimmung aller bedurfte.
Ab acht Uhr morgens, wenn «das elektrische Schaltbrett eine matte Lichtsymphonie durch das Café strömen ließ», war das «Romanische» geöffnet. Schon um neun kamen «unbekannte Soldaten der Feder, arbeitslose Schauspieler und Zeichner, auch ein paar Modellmädchen». Für Kurt Tucholsky, selbst mitunter Gast, waren dies die typischen Klienten, all die «Auchkünstler, Nebenkünstler», die «Maler, die nicht malen, aber gut darüber sprechen», die «Schriftsteller, die nicht schriftstellern, aber gut darüber sprechen», und «jene Volksredner, die nicht volksreden, aber schlecht darüber sprechen».
Um diese Uhrzeit kamen in der Regel auch die ersten jungen Frauen der Bohème und versammelten sich um die Marmortische, unterhielten sich angeregt, strickten und nähten nebenbei Pullover und Kleider. Auch der erste Prominente stürmte jetzt herein: Alexander Granach, in Lederjacke, mit Jockeymütze, schnell sein Frühstück vertilgend, bevor es zur Theaterprobe ging. Granach, erinnert sich sein Sohn Gad, «gab immer ’ne Welle an, auch wenn er irgendwo reinkam. Er war auch so gebaut, breitschultrig war er, sah aus wie ein Preisboxer, und (…) seine ganze Umgebung nahm er in Besitz! Er hatte was Orientalisches. Die schwarzen Haare, die dunkle Haut, die großen Augen, die orientalischen Augen, die er hatte. Er hatte ein Gesicht … das fasste einen!»
Um 10 : 20 Uhr erschien dann der «romanische» Ureinwohner John Höxter, «der ewige Bohemien», allseits geachteter Schnorrer, einzigartiger Netzwerker, Holzschnitt-Künstler und Poet. «Klug, ein Mann von vielerlei Wissen und nicht selten überraschend klaren Einsichten», so der Kunstkritiker Paul Westheim, «wandelte er zwischen den Caféhaustischen wie einst griechische Philosophen über den Marktplatz gewandelt haben mögen.» Und da Höxter «eben miteinbegriffen in die Spesen des Caféhausbesuches» war, befand sich seine kleine Welt im Gleichgewicht.
Aus Höxters Feder stammt auch das Gedicht Romanisches Café:
Maler, Dichter, Journalisten,
Ärzte, Mimen und Juristen,
Börsianer, Zionisten,
Juden, Juden, ein paar Christen,
Jahrelang der gleiche Kreis:
Tag! Wie geht’s? Was gibt es Neu’s?
Kunst und Psychoanalyse,
Reichstags- oder Börsenkrise,
Bühnenklatsch und Schach und Spott,
Keiner hört sein eignes Wort.
Jahrelang der gleiche Kreis:
Tag! Wie geht’s? Was gibt es Neu’s?
Marschall Tsching diktiert den Frieden,
Meyers Ehe wird geschieden.
I. G. Farben sollen fallen;
Prahlen, Tuscheln, trunknes Lallen,
Jahrelang der gleiche Kreis:
Tag! Wie geht’s? Nie gibt es Neu’s.
Der ironisch-abgeklärte Tenor des Gedichts konnte die Stammgäste des Cafés allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass Höxter die kleine Welt des «Romanischen» dringender nötig hatte als jeder andere Gast. Er lebte im und für das Café. Und wenn die Welt außerhalb des «Romanischen» nicht eines Tages dem Wahnsinn verfallen wäre, dann wäre Höxter vielleicht sogar im Café an Altersschwäche gestorben – pleite, stolz und mit einer letzten Pointe auf den Lippen.
Apropos Ableben: Als Tasiemka den Kollegen Egon Erwin Kisch einst nach dessen Wunschnekrolog fragte, diktierte der «rasende Reporter» ihm die angemessene Bekanntmachung für das Romanische Café: «Heute, 5 Uhr nachmittags, während die Leiche des Stammgastes, Herrn Kisch, in die Erde gesenkt wird, tritt im ‹Romanischen Café› eine Arbeitsruhe von drei Minuten ein, innerhalb welcher Zeit nicht serviert wird.»
Kisch, quicklebendig, betrat das Café an jenem Januarmorgen bereits um 10 : 30 Uhr, und Tasiemka notierte: «Er fährt nächste Woche nach Moskau. Zweck: Eine Reportage.» Wenn Kisch nicht gerade in Prag seine Mutter besuchte oder irgendwo zwischen Los Angeles und Tokio recherchierte, saß er im «Romanischen». Und wenn seine Freunde verkündeten: «Wir gehen zu Kisch», dann meinten sie im Zweifelsfall das «Romanische» und eben nicht «Egoneks» Wohnung in der Güntzelstraße. Das Kaffeehaus war für Kisch und all seine anderen Bewohner – um den ungarischen Schriftsteller György (später George) Mikes zu zitieren – «kein Ort, sondern ein Way of Life». Mit anderen Worten: Wo immer sich Kisch gerade befinden mochte, da war im Idealfall Kaffeehaus.
Um 13 : 30 Uhr schlug Paul Morgan, Schauspieler, Kabarettist und (laut Carl von Ossietzky) der «scharmanteste aller Conferenciers», im Café auf. Morgan, gebürtiger Wiener, hatte seine Karriere am Stadttheater von Czernowitz begonnen, wo er den Spitznamen «Czerno-Witzbold» trug. Er selbst bezeichnete sich als «Stiefkind der Grazien». Seine unverwechselbare Stimme kannte damals jeder Berliner, der einen Radioempfänger besaß. Auch Morgans Sketche mit Wilhelm Bendow wie etwa Rennbahngespräche («Wo laufen sie denn?») fanden in Schellack gepresst reißenden Absatz.
Um 15 Uhr kam der Schriftsteller und Dramatiker Arnolt Bronnen, ein enger Freund Bertolt Brechts, wie «jeden Tag um diese Zeit» und bestellte einen doppelten Mokka. Tasiemka nennt ihn «den Grandseigneur» des Cafés. Wohl nicht, weil Bronnen das tatsächlich war, sondern einfach deswegen, weil er so tat, als sei er’s.
Nun, am frühen Nachmittag, kamen die Prominenten in immer schnellerem Takt durch die Drehtür: die von Zuckmayer und Rilke bewunderte Puppenkünstlerin und Kostümbildnerin Lotte Pritzel, der Ullstein-Journalist Manfred Georg und die Erfinderin der «Tanzsatire» Valeska Gert mit ihrem Freund, dem Schauspieler Aribert Wäscher (den sie natürlich im «Romanischen» kennengelernt hatte). Auch Moriz Seeler, der Leiter der «Jungen Bühne», schaute jetzt vorbei: ein eher kleiner Mann, gar nicht bohèmehaft in Anzug und Krawatte, doch immer wieder Ideengeber und Geburtshelfer ungewöhnlicher, zukunftsweisender Projekte.
Etwa eine Stunde nach Seeler tauchte der junge Komponist Werner Richard Heymann, Generalmusikdirektor der UFA, auf. Erst im Dezember 1925 hatte er ganz in der Nähe, im UFA-Palast am Zoo, bei der Premiere von Ludwig Bergers Film Ein Walzertraum ein neunzigköpfiges Orchester dirigiert. Es waren Heymanns Melodien – und nicht etwa die Songs Kurt Weills –, die wenige Jahre später, mit dem Aufkommen des Tonfilms, den Soundtrack Groß-Berlins lieferten: Wenn sich Willy Fritsch und Lilian Harvey auf der Leinwand anschmachteten («Liebling, mein Herz läßt dich grüßen»), dann taten sie das meist zur Musik Heymanns und in den Worten Robert Gilberts. Ganz Berlin sang und pfiff die Tonfilmschlager des Wunderkinds aus Königsberg.
Bis Einbruch des Abends traten der Galerist, Verleger und Avantgarde-Förderer Alfred Flechtheim, der Theater- und Filmschauspieler Fritz Kortner sowie der schwedische UFA-Star Nils Asther in die Hallen des «Romanischen». Auch der Dramaturg Herbert Ihering sah jetzt vorbei, in Begleitung Bertolt Brechts. Der saß auch gerne am «Ärztetisch», in Gesellschaft des Schriftstellers und Psychiaters Alfred Döblin und des Dichterkollegen Gottfried Benn, Spez ialist für Haut- und Geschlechtskrankheiten, den man hier den «Medizyniker» nannte.
Gegen 21 Uhr war der jiddische Stammtisch vollzählig und diskutierte eine Postkarte, die der Dramatiker und Schriftsteller Schalom Asch – auch er gelegentlich Stammgast – aus Amerika geschickt hatte. Mit dabei waren ein ukrainischer Minister a. D. und der Schauspieler Herz Grosbard, der Ende der Zwanzigerjahre zum erfolgreichsten Rezitator moderner jiddischer Literatur werden sollte, seine «Wortkonzerte» wurden sogar im Radio übertragen.
«Die jiddische Schriftstellergruppe», hielt Dr. Israel Rubin 1930 in einer Zeitschriftenserie fest, «gehört zu den Stammgästen des Romanischen Cafés, zu denjenigen Besuchern, für die das ‹Romanische Café› ein Ort ist, wo man einen eigenen Tisch hat, wohin man jeden Tag kommen muss, so wie man auch jeden Tag beten muss. (…) Ein jiddischer Schriftsteller in Berlin muss jede Nacht ein romanisches Abendgebet sprechen, trifft man einen Kollegen einmal nachts nicht im Romanischen an, fragt der Eine schon den Anderen: ‹Was ist mit ihm? Ist er krank?›»
Um 22 Uhr, die Luft muss von Zigarettenrauch mehr als gesättigt gewesen sein, war Kisch wieder zurück. Dieses Mal wurde er begleitet vom Wiener Reporter und Drehbuchautor Georg Froeschel, dem tschechischen Journalisten Leo Lania und dem niederrheinischen Schriftsteller Karl Otten. Wenig später saßen auch der stets elegant gekleidete Romancier Leonhard Frank, der wahre «Grandseigneur» des Cafés, und, mit Pelzmütze, die Dichterin Else Lasker-Schüler, damals bereits sagen- und anekdotenumwoben, auf ihren Stammplätzen.
Kurz vor Mitternacht war mit Max Slevogt und Emil Orlik endlich auch der älteste Stammtisch, rechts vom Eingang, besetzt. Den Kellnern war es vom Kaffeehausbesitzer Bruno Fiering streng verboten, die von den beiden Malern auf der Tischplatte hinterlassenen Zeichnungen zu entfernen. Alle paar Monate ließ er den marmornen Skizzenblock der prominenten Künstler gegen einen neuen eintauschen, um den alten zu verkaufen. Zum harten Kern dieses Stammtischs – auf dem bei Abwesenheit der Freunde ein «Besetzt»-Schild stand – gehörte neben Slevogt und Orlik als Dritter im Bund der Zahnarzt und Grafiker Josef Grünberg. Der aus der Ukraine eingewanderte Grünberg hatte eine hydraulische Presse entwickelt, die grafische Arbeiten verschiedener Art in gleichbleibend höchster Qualität drucken konnte. Die drei Künstler hatten zusammen mit dem Maler Max Pankok eine «Gesellschaft für graphische Versuche» gegründet. Sie trug den Namen «SPOG», intern die «Hexenküche», und tagte natürlich im «Romanischen». «In ganz Berlin», so der Journalist und Stammgast Hermann Swet, «hat es kaum einen zweiten Kreis von Menschen gegeben, in dem solch ein hoher Geist reinsten Künstlertums herrschte, wie im Kreise Slevogt-Orlik-
Grünberg.»
Fast jeden Nachmittag gesellte sich der Verleger Bruno Cassirer
zu Orlik und Slevogt. Ihm war der tägliche Kaffeehausbesuch nicht nur Genuss, sondern Notwendigkeit. Ohne ein Kaffeehaus, davon war Cassirer überzeugt, könne man «überhaupt keine Literatur machen». Im Café, so vertraute er seinem Lektor Max Tau an, entwickle der Mensch «seine verborgenen Eigenschaften und Wunschträume».
Je später der Abend, desto schwieriger für Tasiemka, mit dem Notieren bekannter Namen hinterherzukommen («Massenandrang!»). Das war alles andere als erstaunlich, war es für viele Angehörige der in-crowd doch fast eine Pflicht, mindestens einmal am Abend im «Romanischen» aufzutauchen. Als es ein Uhr schlug, herrschte allerdings nur noch am jiddischen Tisch Leben. Den osteuropäischen Emigranten – die meist allein, fern der Familie, in ungeheizten Kammern zur Untermiete hausten und schrieben – schien der Abschied Nacht für Nacht am schwersten zu fallen. Doch auch der in durchaus geordneten Verhältnissen lebende junge Rabbiner Joachim Prinz, der fast jeden Abend mit den jiddischsprachigen Intellektu ellen und Künstlern verbrachte, blieb nicht selten bis zwei Uhr morgens, es war ja «unser Café», wie er es noch Jahrzehnte später nannte.
«Die Lichter verlöschen, das Spiel ist aus», schloss Tasiemka den langen «romanischen» Tag. Er hatte seine Aufgabe erfüllt, zog den Mantel an und ging durch die goldene Drehtür hinaus in die kalte Nacht. Und war wieder in Berlin.
«Es gab in den Zwanzigerjahren», so schreibt Werner Richard Heymann, «eine Einrichtung, die es heute kaum noch oder gar nicht mehr gibt, deren überragende Bedeutung für das künstlerische und geistige Leben kaum überschätzt werden kann, das Café. Es waren geistige Treffpunkte allerersten Ranges. (…) Da saßen wir also und prägten – in aller Unbescheidenheit sei das mal gesagt – das künstlerische Gesicht der Epoche. Nicht nur das künstlerische, sondern sehr oft auch das politische.»
So war das Wiener «Café Herrenhof» auch für die Schriftstellerin Hilde Spiel nichts weniger als «eine Akademie», an der die junge Generation wuchs: «Man schliff sich ab, man vervollkommnete seinen Geist, die Formulierungsgabe im Gespräch mit anderen.» Leonhard Frank erklärte es dem jungen Autor und späteren Verleger Helmut Kindler so: «Die Münchner Bohème war meine Universität. In einem Münchner Kaffeehaus habe ich mein Abitur gemacht.» Und nicht nur das: Das «Romanische», bemerkte einmal der Stammgast Moshé Litwakow, «absolviere» man so wie eine Universität.
Auch für den Boxer Max Schmeling waren seine vielen Stunden im Café eine so lebhafte wie bildende Erfahrung: «Als ich nach Berlin kam, schleppte man mich gleich ins Romanische Café. Intellektuelle begeisterten sich damals für Berufsboxer. Der Bildhauer Rudolph Beding [Rudolf Belling] machte einen Torso von mir, Ernesto de Fiori eine ganze Bronzefigur, George Grosz malte mich, der Maler Max Pechstein war mit dem Zeichner Jules Pascin zusammen (…). Der Dichter Klabund arbeitete an seinem Kreidekreis, Tucholsky war da und Otto Zarek, der Dramaturg der Saltenburg-Bühnen. (…) Ich habe stets aufmerksam zugehört und sagte mir: du bist ein einfacher Mann, und was du nicht auf der Schule gelernt hast, muß dich das
Leben lehren.»
Der Journalist und Schriftsteller Max Krell, vor dem Ersten Weltkrieg Stammgast im Berliner «Café des Westens» und später im «Romanischen», nannte diese Kaffeehäuser «die Wechselstuben der Gedanken und Pläne, des geistigen Austauschs, die Produktenbörse der Dichtung, des künstlerischen Ruhms und auch des Untergangs». All diese Cafés zwischen Paris und Budapest waren Kreißsäle neuer Ideen, Ideologien, Kunstrichtungen, literarischer, cineastischer, sogar naturwissenschaftlicher Projekte. Das gilt insbesondere für das Romanische Café, in dem eine unvergleichlich hohe Anzahl an Kreativen auf engem Raum regelmäßig zusammenkam. Und da diese Cafés auch als Transitstationen durchreisender Künstler und Journalisten fungierten, geschah es, so Heymann, «daß gewisse Kunststile, Probleme, Geschmacksrichtungen in ganz Europa verbreitet waren und mehr oder minder gleichzeitig auftauchten».
Die literarischen Kaffeehäuser erfüllten für zahllose Künstler aber auch die Funktion einer überlebensnotwendigen Arbeitsbörse. Ein unter schwierigen materiellen Umständen lebender Freiberufler, der den Zugang zum Café auch nur vorübergehend zu verlieren drohte, musste befürchten, damit jenes Netzwerk einzubüßen, das ihn vor dem Absturz in die Armut bewahren konnte. So ist der Fall eines ungarischen Stammgastes mit Namen Ádám von Kállay bekannt, der eines Tages aufgrund zu vieler unbezahlter Rechnungen von Fiering Hausverbot im «Romanischen» erhielt und sich deswegen vor der Eingangstür des Cafés in den Kopf schoss. Nie wurde bekannt, ob der so tragisch geendete Künstler tatsächlich vorgehabt hatte, sich umzubringen, oder ob er in seiner Verzweiflung nur mit Selbstmord drohen wollte, um wieder Einlass zum Café zu erhalten.
Jedenfalls, wenn ein freiberuflich arbeitender Drehbuchautor damals einen Filmproduzenten für eine neue Geschichte suchte, so erinnert sich einer von ihnen, Walter Reisch, dann ging er einfach in eines jener Cafés, wo die Leute vom Film verkehrten. «Über einer Tasse Kaffee oder einem Aperitif erzählte man ihm [dem Produzenten] die Grundidee der Geschichte, und wenn er deine Idee mochte, bezahlte er für einen Kaffee und ein Sandwich.» Der so ermutigte Drehbuchautor schlug später irgendwann mit einem zehn- oder fünfzehnseitigen Exposé wieder im Café auf. Und wenn dem Filmproduzenten auch dieser Entwurf gefiel, «dann kriegte man etwas Geld und wurde beauftragt, das Drehbuch zu schreiben». Vor dem Siegeszug des Tonfilms gehörten nur wenige erfolgreiche Filmproduzenten zu den Stammgästen des «Romanischen». Doch als der Tonfilm die Bedeutung des Drehbuchautors erhöhte und eine große Nachfrage nach «Dialogschreibern» entstand, ließen sich öfters Filmproduzenten auf der Suche nach Autoren im «Romanischen» sehen. Der allmächtige Erich Pommer kam wahrscheinlich eher selten ins Café. Allerdings traf ein Drehbuchautor dort todsicher jemanden an, der ihm die Tür zum Büro des legendären UFA-Gottes öffnen konnte. Im Romanischen Café war die große Welt eben noch sehr klein.
Nachdem sich das «Romanische» Anfang der Zwanzigerjahre endgültig als der Berliner Künstlertreff, geradezu als «Wartehalle zum Olymp» etabliert hatte, wurde es für einen aufstrebenden Autor fast zur Pflicht, dort regelmäßig zu verkehren. «Sehr wichtig war», so Elias Canetti, «daß man immer wieder, während Tagen, Wochen und Monaten gesehen wurde. Die Besuche im Romanischen Café (…), die gewiß auch ein Vergnügen waren, galten nicht diesem allein. Sie entsprangen auch der Notwendigkeit zu einer Selbst-Manifestation, der niemand sich entzog. Wer nicht vergessen werden wollte, mußte sich sehen lassen.»
Das betraf besonders jene Künstler und Intellektuellen, die nicht vergessen werden konnten, da sie ohnehin völlig unbekannt waren. Doch wenn sie möglichst oft unter all den arrivierten Kollegen im «Romanischen» saßen, dann war das ja immerhin ein Anfang! «Die schönsten Mädchen», berichtet der Schriftsteller Renato Mondo, «saßen mit klopfendem Herzen dort», bis zu jenem Augenblick, da «der Erlöser kam, der den Kaffee bezahlte und den Weg zum Film ebnete».
Natürlich gab es, nebenbei bemerkt, auch jene Fälle, da ein Schriftsteller einzig und allein deswegen im «Romanischen» saß, weil er e inen Kaffee trinken und vielleicht mit ein oder zwei Kollegen sprechen wollte. So weigerte sich der Stammgast Robert Musil sehr höflich und standhaft, den für ihn finanziell durchaus verlockenden Angeboten eines einflussreichen Redakteurs nachzugeben und für diesen Feuilletons zu verfassen. «Hätte ich Ihr Talent, was könnte ich nicht alles damit anfangen!», klagte der enttäuschte Redakteur, der extra ins «Romanische» gekommen war, um Musil für seine Zeitung zu gewinnen.
Dennoch dürften all die Geschichten jener Träumer, die irgendwann tatsächlich Karriere gemacht hatten, nachdem sie im «Romanischen» zur richtigen Sekunde am richtigen Marmortisch gesessen hatten, im Café blitzschnell die Runde gemacht haben. Und es waren genau diese Geschichten, aus denen zahllose bislang Erfolglose Hoffnung für den nächsten Tag im Café schöpften.
Trotz all der im «Romanischen» gesponnenen Intrigen, der Eifersüchteleien des Herzens oder des Scheckbuchs, die dort sicher ohne Unterlass herrschten – es war durchaus nicht nur die Zentralheizung, die für die ersehnte Wärme sorgte. Denn jenseits von Funktion und Nutzen erfüllten das «Romanische» und all die anderen literarischen Cafés Europas eine ewig-menschliche Sehnsucht: die Sehnsucht nach einem Ort, an dem man sich zumindest für einige Stunden als Teil einer Gruppe fühlen kann, mit der man dieselben Interessen, Nöte und Träume teilt. Nach einem Ort, wo man Freundschaften mit Menschen aus aller Welt schließen und manchmal sogar totgeglaubte Freunde aus der fernen Heimat wiedertreffen kann. Ob man aus beruflichen Gründen ins «Romanische» ging oder vor der Einsamkeit dorthin floh, letztlich war «das Wesentliche, hinzugehen und zu sehen, wer da ist», wie sich Mascha Kaléko eri nnert. Alles Weitere würde sich dann an den Marmortischen schon ergeben.
Das «Romanische» war in seinen besten Zeiten, wie der Zeichner
Eric Godal bezeugt, ein «häßliches» Café mit «durchgesessenen Plüschsofas, altmodischen Marmortischen und unbequemen Stühlen». Und die Schriftstellerin Gabriele Tergit beschrieb ihr Stammcafé so: «Das Romanische Café ist sehr schmutzig. Erstens ist es trotz seiner großen Fensterscheiben so angeräuchert, wie es für eine Stätte des Geistes notwendig ist, zweitens ist es schmutzig durch die Manieren seiner Bewohner, die unausgesetzt Überreste ihrer Raucherei auf den Fußboden werfen.»
Keiner der Stammgäste ließ sich von solchen Äußerlichkeiten abschrecken: In den Zwanzigerjahren leuchtete der Glanz des «Romanischen» bis nach New York und Moskau. Gleichwohl dürften die Lichtstrahlen des Cafés selbst in seinen besten Tagen nur sehr spärlich in die düsteren Mietskasernen Neuköllns und die Wohnungen der Berliner Angestellten und Kleinbürger gedrungen sein. Natürlich wusste man aus der Tagespresse von der Existenz des Cafés, und mancher Berliner saß wohl im Sommer auf dessen Terrasse und hoffte insgeheim, dort einem leibhaftigen Film- oder Theaterstar zu begegnen. Doch die Bücher der meisten im Café verkehrenden Autoren wurden nur von einer Minderheit der Berliner gelesen. So- gar der durchaus populäre Egon Erwin Kisch schaffte es nie, allein durch den Verkauf von Büchern zu einem auch nur bescheidenen Wohlstand zu gelangen. Dass sich Tucholskys Rheinsberg gut verkaufte, Lion Feuchtwanger von seinen Tantiemen sehr gut leben konnte und ein Stammgast wie Erich Maria Remarque schließlich einen absoluten Weltbestseller landete, das waren selbst unter all den illustren Schriftstellern im «Romanischen» seltene Ausnahmen.
Als sich Hans Sahl im Auftrag der Wochenzeitschrift Das TageBuch 1926 daranmachte, in den Leihbibliotheken die Lesegewohnheiten der Berliner zu untersuchen, kam er denn auch zu einem ernüchternden Ergebnis: «Massenweise gelesen (…) wurden jene Bücher, die einen Revanchekrieg gegen das ‹perfide Albion›, gegen Frankreich, ja die ganze Welt propagierten, gegen Sozialisten, Juden, Katholiken, gegen alles Fremde und Ausländische überhaupt und einer Verherrlichung von Blut und Ehre, von Heimat und Scholle das Wort redeten.» Hingegen wurden «Thomas Mann und Hermann Hesse und Alfred Döblin und Kasimir Edschmid (…) in den Kreisen, um die es hier ging, nicht gelesen». Sahls deprimierende Serie Klassiker der Leihbibliothek wurde im Romanischen Café zwar wahrgenommen und brachte ihrem Autor dort Lob und Ruhm ein. Die zwischen den Zeilen stehende laute Warnung wurde jedoch schnell wieder verdrängt.
Vielleicht besaßen einige der im Café verkehrenden jiddischsprachigen Gäste ja ein besser entwickeltes Gespür für den immer stärker werdenden Hass der Umwelt. Jedenfalls hatten die meisten von ihnen die Stadt bereits verlassen, als Sahl seine Serie veröffentlichte. Nur wenige deutsche Schriftsteller – wie etwa Kurt Tucholsky, der Berlin bereits 1924 Richtung Paris verlassen hatte – waren hellsichtig genug, es ihnen gleichzutun. Selbst ab und zu im Café auftauchende Gäste wie die junge Schauspielerin Leni Riefenstahl und der stets abseits sitzende Architekturstudent Albert Speer konnten 1926 noch nicht ahnen, dass sie wenige Jahre später zu den Menschenjägern gehören würden, die so viele ihrer Nachbarn an den marmornen Tischen vertreiben oder zu Tode hetzen sollten.
«Im Romanischen Café», schreibt Wolfgang Koeppen, «saßen die Leser hinter den bedruckten Seiten wie Kinder in ihren Sandburgen am offenen Meer.» Und so, den Blick vom bedruckten Papier der Literarischen Welt oder des Prager Tagblatts versperrt, bemerkten die Strandgäste nicht, wie sich das Meer langsam und leise zurückzog, um schließlich als ein ohrenbetäubender brauner Tsunami über das Café hereinzubrechen. Jene kurze Atempause aber, als in Bruno Fierings Romanischem Café selbst der bekanntlich schlechte Kaffee nach hell-goldener Zukunft schmeckte, ist zur Legende geworden. Und der damalige Glanz dieses Ortes strahlt, gleich einem Stern, der längst erloschen ist, bis in unsere Tage hinein.
An einem heißen Nachmittag im August 1933 treten zwei Männer durch die Drehtür des «Romanischen Cafés»: Leonid, der Sonderkorrespondent des litauischen Folksblat, und sein Begleiter, ein betagter Berliner Aktivist der zionistischen Bewegung. Leonid wirft einen Blick in den hohen, langgestreckten, fast menschenleeren Raum zu seiner Rechten. Hier, in diesem Café – die Terrasse und die obere Galerie mitgerechnet –, hatten sich oft tausend Gäste gleichzeitig versammelt. An manchen Abenden konnten es sogar noch viel mehr sein. Und da die Wände im hinteren Teil des Raums mit großen Spiegeln bedeckt waren, spiegelte sich dieser Teil des Cafés bei der richtigen Perspektive «fast hundertfach wider, als wäre der Raum unendlich».